Der Pilz am Ende der Welt

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Die US-amerikanische Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing erzählt in diesem Buch vom Speisepilz Matsutake – und von den Verhältnissen zu seiner Umwelt, zu nichtmenschlichen und menschlichen Akteuer*innen. Von seinen Verflechtungen – unterirdisch wie oberirdisch, kulinarisch und ökonomisch, über seine Rolle in Ethnizitäts- und Identitätspolitiken,  seinen Geruch und die ihn lobpreisenden Gedichte der letzten Jahrhunderte.

Dem Buch zu Grunde liegt, so könnte eine Lesart lauten, die Frage nach dem Weiter- und Überleben der Menschen in einer Welt, die selbst zu einer großen “Ruine des Kapitalismus” wird, ausgebeutet und zerstört von einem globalisierten Wirtschaftssystem, das hochkomplex menschliche wie nichtmenschliche Ressourcen unwiderbringlich aufzehrt. Tsings’ ethnografisch-ökologisches Plädoyer für Kollaborationen und Allianzen, für Beziehungen und Netzwerke argumentiert und erzählt vom Leben des Matsutake und dem der Menschenfernab von ausgehölten Betroffenheitsformeln oder Verkürzungen, dafür mit politischer Fantasie, Haltung und Radikalität.

Der Matsutake Pilz zählt zu den teuersten Lebensmitteln der Welt und wächst bevorzugt in post-industriellen Landschaften, in “den Ruinen des Kapitalismus.” Er ist nicht kultivierbar, lässt sich vom Menschen also nicht züchten. Abermillionenfach durchziehen seine Wurzeln den Boden und zersetzen diesen, schaffen die Grundlage für das Wachstum anderer,  nichtmenschlicher Lebewesen.  Er wächst zügig empor und ist wegen seines hohen Marktwerts meist auch schnell wieder weg – oft gepflückt von prekarisierten, migrantisierten Sammler*innen, denen nicht selten der Zugang zu anderen Lohnarbeiten versperrt bleibt.

Die Vielstimmigkeit dieses thematischen Gefüges fließt auch in seine Form mit ein – Anna Lowenhaupt Tsing schreibt anschaulich und literarisch, ohne theoretischen Ansätze aus dem Blick zu verlieren, transdisziplinär, ohne ihren Essay in einen formale Beliebigkeit zu entlassen. Sie folgt den Spuren des Matsutake – hinweg über Genre-, Länder- und Epochengrenzen.

 

Anna Lowenhaupt Tsing 2018: Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. Berlin: Matthes & Seitz

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