Drexciya

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Drexciya – Under Sea Disturbances

Heinrich besuchte im November 1997 eine Veranstaltung in der Volksbühne, zu der auch der englische Publizist Kodwo Eshun eingeladen war. Eshun redete dabei wohl in erster Linie über die afrikanisch-amerikanischen Unterwasserwelten des enigmatischen Duos Drexciya aus Detroit. Nachdem ich gestern noch einmal den in diesem Haushalt einzigen Drexciya-Tonträger, die Doppel-CD  The Quest, durchgehört habe, finde ich es absolut irre, wieviel die uns mit ihren abstrakten, wortlosen Kompositionen zu erzählen in der Lage sind.

Diese Sätze lässt der Schriftsteller Thomas Meinecke eine seiner Figuren schreiben, gerichtet an einen Freund, der in einem Strandhaus in North Carolina an einem Buch arbeitet. In diesem geht es, wie in Meineckes hier zitierten Roman “Hellblau” selbst, um die Konstruktion sog. “ethnischer Identität”.

Ist Detroit Techno Black Music? heißt es an einer Stelle und: Afrodiasporische Amerikaner im desolaten postindustriellen Detroit machen sie ihren revolutionähren Reim auf die alten Platten der Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk. Gemeint sind hier  James Marcel Stinson und Gerald Donald, zusammen des Detroiter Techno-Duo “Drexciya”.

Jede Drexciya-EP navigiert durch die Tiefen des Black Atlantic(…)Ihr Unterwasserparadies wird zu einem geopolitischen Subkontinent hydroterritorialisiert, der sich durch kartographische Tracktitel erschließt: Positron Island, Danger Bay, The Red Hills of Lardossa (…)Drexciya benutzt die Elektronik, um die Alien-Entführung der Sklaverei mit einem fiktiven Ergebnis nachzuspielen: “Sind sie vom Golf von Mexico aus zum Mississippi-Flußbecken und den großen Seen von Michigan ausgewandert? Leben sie unter uns? Sind sie uns voraus?”.

“Heller als die Sonne.” heißt das Buch, in dem der Londoner Künstler Kodwo Eshun diese Zeilen über Drexciya schreibt. Soundästhetiken, die  “Frequenzen zu Soundbildern unwirklicher Umwelten” fiktionalisieren und “dich in flüssige Utopien” eintauchen lassen. Ein Sound, der als ebenso zitathaft wie eigenständig, als losgelöst und stilprägend beschrieben werden kann. Ein künstlicher, ein künstlerischer, wellenförmiger Widerstand, akustische Attacken gegen kolonial-rassistische Repräsentation und Gewalt, gegen das Traum der Verschleppung im “Yesternow” (Mark Sinner).

Eine frei zugängliche Auswahl an Tracks von Drexciya ist hier zu finden. Mehr von Kodwo Eshon findet ihr zum Beispiel auf der Webseite seiner Künstler*innengruppe “The Otolith Group” und eine Übersicht zu Thomas Meineckes literarischen Arbeiten gibt es hier.

 

Kodwo Eshun 1999 (Orig.1998): Heller als die Sonne. Abenteuer in der Sonic Fiction. Berlin: ID Verlag

Thomas Meinecke 2001: Hellblau. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Falls ihr keinen unterstützenswerten Buchladen bei euch in der Nähe habt, könnt ihr die Bücher auch bei dem alternativen non-profit Online-Buchladen links-lesen.de kaufen, der mit dem Gewinn politische Projekte unterstützt.

 

 

 

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